ATLAS ANNO GLADII
Anno Gladii umfasst mehrere Jahrtausende Menschheitsgeschichte. Während dieser langen Zeit verändert sich nicht nur die politische Ordnung der Erde, sondern auch das Wissen darüber, wie die Welt überhaupt aussieht. Handelsreisen, Kriege, Pilgerfahrten und Entdeckungsreisen erweitern den bekannten Horizont immer wieder. Regionen, die in einer Epoche nur aus Legenden und Berichten bekannt sind, erscheinen Jahrhunderte später auf erstaunlich genauen Karten. Dabei besitzt keine Epoche ein vollkommen einheitliches Weltbild. Ein ägyptischer Schreiber kennt andere Länder als ein griechischer Händler, ein römischer Feldherr verfügt über andere Informationen als ein Bauer in Gallien und ein arabischer Gelehrter des Mittelalters kennt Regionen, von denen ein europäischer Ritter vielleicht nur gehört hat. Die folgenden Beschreibungen orientieren sich deshalb am typischen Wissensstand des jeweiligen Zeitalters und zeigen die Welt ungefähr so, wie sie den dortigen Charakteren bekannt sein kann.
PHARAONEN A. GL.
ca. 1550 bis 1070 v. u. Z.
Für die Bewohner des ägyptischen Neuen Reiches bildet das fruchtbare Niltal den Mittelpunkt einer bekannten Welt, die von Wüsten, Meeren und fernen Ländern umgeben ist. Im Norden liegt das große Mittelmeer, an dessen Küsten zahlreiche fremde Völker leben. Östlich des Nildeltas befinden sich die Städte und Königreiche der Levante. Dahinter liegen mächtige Reiche wie Mitanni und später das Reich der Hethiter. Im Süden erstreckt sich Nubien mit seinen Goldvorkommen weit den Nil hinauf. Über das Rote Meer führen Handelswege in das sagenumwobene Land Punt. Von dort gelangen Weihrauch, Ebenholz, Elfenbein und exotische Tiere nach Ägypten. Händler und Gesandte bringen außerdem Nachrichten von Libyen, Kreta und anderen Inseln des Mittelmeeres. Wie weit die Erde darüber hinaus reicht, weiß niemand genau. Die Welt wird aus ägyptischer Sicht nicht als moderner Globus verstanden, sondern als geordneter Kosmos aus Erde, Himmel, Wasser und Unterwelt. Fremde Länder liegen jenseits der vertrauten Ordnung Ägyptens und werden häufig ebenso durch ihre Bewohner und Handelswaren wie durch ihre geografische Lage beschrieben.
GRIECHEN A. GL.
ca. 500 bis 336 v. u. Z.
Die Griechen bezeichnen die bewohnte und bekannte Welt als Oikumene. Ihr Mittelpunkt liegt im Mittelmeerraum mit den zahlreichen griechischen Stadtstaaten, Inseln und Kolonien. Das Ägäische Meer, die Küsten Kleinasiens, Süditalien, Sizilien und das Schwarze Meer sind durch Handel und Seefahrt gut bekannt. Im Osten erstreckt sich das gewaltige Perserreich weit über Mesopotamien bis in Regionen, die nur wenige Griechen selbst gesehen haben. Ägypten und die nordafrikanische Küste sind bekannt, ebenso Teile der Iberischen Halbinsel, Galliens und des Balkans. Händler berichten von weit entfernten Ländern im Norden und Osten. Indien gilt als äußerster Rand der bekannten Welt und ist vor allem durch Erzählungen über seine Menschen, Tiere und Reichtümer bekannt. Griechische Gelehrte versuchen zunehmend, die Erde systematisch zu beschreiben. Sie teilen die bekannte Welt in Europa, Asien und Libyen ein und diskutieren über ihre Größe und Gestalt. Im 4. Jahrhundert v. u. Z. setzt sich unter vielen Gelehrten die Vorstellung einer kugelförmigen Erde durch. Dennoch bleiben große Teile der Welt nur durch Reiseberichte, Gerüchte und Erzählungen bekannt.
RÖMER A. GL.
ca. 509 bis 27 v. u. Z.
Mit der Ausbreitung der Römischen Republik wächst auch der geografische Horizont ihrer Bewohner. Das Mittelmeer verbindet Italien mit Hispanien, Gallien, Griechenland, Nordafrika, Ägypten und den Ländern des östlichen Mittelmeerraumes. Händler, Soldaten und Gesandte reisen auf Straßen und Seewegen über enorme Entfernungen. Im Norden liegen Britannien, Germanien und die Länder jenseits der Donau. Manche dieser Regionen sind durch Feldzüge und Handelskontakte bekannt, andere nur durch Berichte benachbarter Völker. Im Osten führen Handelswege durch Syrien und Mesopotamien weiter in Richtung Persien und Indien. Von noch ferneren Ländern Asiens gelangen Seide und andere kostbare Waren in den Westen, doch über ihre Herkunft ist nur wenig Sicheres bekannt. Römische und griechische Gelehrte sammeln geografisches Wissen aus Jahrhunderten der Seefahrt, des Handels und der Kriegszüge. Küsten und wichtige Straßen sind vielerorts gut bekannt, während das Innere ferner Länder häufig nur grob beschrieben werden kann. Je weiter man sich von den großen Handelswegen entfernt, desto stärker vermischen sich verlässliche Nachrichten mit Vermutungen und Geschichten.
WIKINGER A. GL.
ca. 800 bis 1050
Für die nordischen Seefahrer ist die bekannte Welt größer, als viele ihrer Zeitgenossen vermuten würden. Ihre Langschiffe verbinden Skandinavien mit Britannien, Irland, den Küsten des Frankenreiches und den Ländern rund um die Ostsee. Über große Flüsse gelangen Händler und Krieger tief nach Osteuropa und schließlich bis nach Konstantinopel und zu den Handelszentren der islamischen Welt. Im Westen führen die Reisen über die Färöer nach Island und weiter nach Grönland. Von dort erreichen nordische Seefahrer schließlich auch Vinland jenseits des großen Ozeans. Das Wissen über diese weit entfernten Gebiete bleibt jedoch auf vergleichsweise kleine Gemeinschaften von Seeleuten und Siedlern beschränkt. Wikinger benötigen keine modernen Landkarten, um enorme Entfernungen zurückzulegen. Küstenformen, Inseln, Strömungen, Windrichtungen, Sterne und überlieferte Segelanweisungen dienen der Orientierung. Wissen über ferne Regionen verbreitet sich durch Händler, Reisende und mündliche Überlieferungen. Im Süden und Osten liegen mächtige Reiche, deren Städte und Reichtümer in Skandinavien bekannt sind. Konstantinopel erscheint nordischen Reisenden als gewaltige Metropole, während arabische Silbermünzen und Waren aus Asien über lange Handelsketten bis in den Norden gelangen.
RITTER A. GL.
ca. 1100 bis 1300
Die Welt eines europäischen Ritters ist von Königreichen, Fürstentümern und den Ländern der lateinischen Christenheit geprägt. Frankreich, England, die Reiche der Iberischen Halbinsel, Italien, das Heilige Römische Reich und die Länder Osteuropas bilden einen großen Teil des vertrauten politischen Horizontes. Durch Kreuzzüge, Pilgerreisen und Handel wächst das Wissen über den östlichen Mittelmeerraum. Konstantinopel, Jerusalem, Ägypten, Syrien und die Küsten Nordafrikas sind durch zahlreiche Berichte bekannt. Muslimische Händler und Gelehrte verfügen gleichzeitig über weitreichende Kenntnisse Afrikas und Asiens und verbinden Handelsräume vom Atlantik bis zum Indischen Ozean. Weiter im Osten liegen Persien, Zentralasien, Indien und China. Seit dem Aufstieg des Mongolischen Reiches gelangen zunehmend Gesandte, Missionare und Händler über große Teile Asiens. Am Ende des 13. Jahrhunderts verbreiten Reiseberichte Nachrichten über ferne Städte, Herrscher und Handelswege. Europäische Weltkarten dieser Zeit dienen nicht ausschließlich der genauen Orientierung. Viele stellen zugleich religiöse Vorstellungen und historische Überlieferungen dar. Jerusalem kann im Mittelpunkt der Welt erscheinen, während ferne Regionen mit Völkern und Wesen gefüllt werden, die nur aus alten Schriften oder Erzählungen bekannt sind. Für die tatsächliche Seefahrt entstehen gleichzeitig immer genauere Beschreibungen der Küsten und Häfen.
SAMURAI A. GL.
ca. 1467 bis 1603
Zu Beginn der Zeit der streitenden Reiche richtet sich der geografische Horizont Japans vor allem auf Ostasien. Die japanischen Inseln, Korea und China bilden die wichtigsten bekannten politischen und kulturellen Räume. Im Norden liegt Ezo, im Süden verbinden die Ryūkyū-Inseln Japan mit weitreichenden Handelswegen nach China und Südostasien. Händler und Seeleute bringen Waren und Nachrichten aus zahlreichen asiatischen Ländern. Über chinesische und koreanische Quellen ist bekannt, dass sich weit im Westen weitere Reiche und Kulturen befinden, doch für die meisten Menschen bleiben diese Gegenden fern und abstrakt. Ab 1543 verändert sich dieses Weltbild erheblich. Portugiesische Händler erreichen Japan, kurze Zeit später folgen christliche Missionare. Feuerwaffen, fremde Waren, Bücher und neue geografische Vorstellungen gelangen ins Land. Die Fremden aus dem Süden werden als Nanban bezeichnet. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts kennen gebildete Japaner zunehmend europäische Weltkarten. Auf ihnen erscheinen Afrika, Europa, Asien und die weit entfernten Länder jenseits der großen Ozeane. Damit treffen während der Sengoku-Zeit traditionelle japanische Vorstellungen von der Welt auf ein immer umfassenderes Wissen über einen globalen Handelsraum.
LANDSKNECHTE A. GL.
ca. 1490 bis 1650
Die Welt der Landsknechte befindet sich mitten in einem gewaltigen Wandel. Um 1500 sind Europa, Nordafrika und große Teile Asiens seit Jahrhunderten bekannt und durch Handelswege miteinander verbunden. Gleichzeitig erreichen portugiesische Seefahrer Indien auf dem Seeweg und spanische Expeditionen bringen immer neue Nachrichten von Ländern jenseits des Atlantiks. Innerhalb weniger Jahrzehnte verändern sich die Karten grundlegend. Küsten und Inseln des Atlantiks werden eingetragen, die Umrisse neuer Länder werden nach und nach ergänzt und Expeditionen umrunden erstmals die Erde. Händler, Soldaten und Abenteurer reisen über Ozeane, während europäische Reiche beginnen, dauerhafte Stützpunkte und Kolonien in Übersee aufzubauen. Dennoch sind die Karten keineswegs vollständig. Küsten können bereits erstaunlich genau dargestellt sein, während das Landesinnere großer Gebiete nur aus Reiseberichten bekannt ist. Entfernungen auf See sind schwer zu bestimmen und verschiedene Karten können dieselben Regionen sehr unterschiedlich wiedergeben. Für einen Landsknecht bleibt Europa meistens der Mittelpunkt seiner unmittelbaren Lebenswelt. Doch Nachrichten aus Amerika, Afrika und Asien erreichen Märkte, Häfen und Fürstenhöfe. Fremde Waren, Silber, Gewürze und Berichte von fernen Kriegen machen deutlich, dass die Welt erheblich größer ist als noch wenige Generationen zuvor angenommen.
MUSKETIERE A. GL.
ca. 1620 bis 1700
Im 17. Jahrhundert ist die Erde als zusammenhängende Kugel mit mehreren großen Landmassen grundsätzlich bekannt. Europäische Kartographen verfügen über zahlreiche Reiseberichte und Seekarten. Die Atlantikküsten Europas, Afrikas und Amerikas sind weithin verzeichnet, ebenso wichtige Routen nach Indien und Südostasien. Große Handelsgesellschaften verbinden Europa mit Afrika, Asien und Amerika. Schiffe verkehren regelmäßig zwischen weit entfernten Häfen. Gewürze, Zucker, Tabak, Silber, Seide und andere Waren werden über die Weltmeere transportiert. Trotzdem bleiben erhebliche Lücken. Das Innere Afrikas, Südamerikas, Nordamerikas und großer Teile Asiens ist auf europäischen Karten oft nur unvollständig bekannt. Auch die Gestalt Australiens wird erst nach und nach deutlicher. Zahlreiche Inseln des Pazifiks fehlen oder liegen auf Karten an falschen Positionen. Die Bestimmung des Breitengrades ist für erfahrene Seeleute möglich, die genaue Bestimmung des Längengrades bleibt dagegen eines der größten Probleme der Navigation. Selbst gute Karten können deshalb erhebliche Abweichungen aufweisen. Für Adlige, Soldaten und Gelehrte in Europa ist die Welt dennoch so groß und miteinander verbunden wie nie zuvor. Nachrichten von Kriegen, Kolonien und Expeditionen erreichen regelmäßig die großen Städte und Höfe.
PIRATEN A. GL.
ca. 1690 bis 1730
Zur Zeit der großen Piraten sind die Weltmeere von einem dichten Netz aus Handelswegen durchzogen. Die Karibik und die Atlantikküste Nordamerikas gehören ebenso dazu wie die Routen entlang Afrikas, um das Kap der Guten Hoffnung und weiter nach Indien, Südostasien und China. Für Piraten sind weniger große Weltkarten entscheidend als genaue Informationen über Häfen, Inseln, Riffe, Strömungen und Schifffahrtsrouten. Seekarten zeigen Küstenlinien, Untiefen und Ankerplätze. Seeleute tauschen Wissen über sichere Passagen, versteckte Buchten und die üblichen Wege reich beladener Handelsschiffe aus. Die Karibik ist besonders gut bekannt. Inseln wie Hispaniola, Jamaika, Kuba und die Bahamas liegen zwischen den großen spanischen, französischen, englischen und niederländischen Besitzungen. An der nordamerikanischen Küste entstehen immer mehr europäische Siedlungen und Häfen. Auch im Indischen Ozean operieren Piraten. Madagascar, die afrikanische Ostküste, das Rote Meer und die Handelswege nach Indien bieten Gelegenheit, Schiffe aus zahlreichen Ländern abzufangen. Doch selbst im frühen 18. Jahrhundert ist die Weltkarte noch nicht vollständig. Australien ist nur teilweise vermessen, zahlreiche Inseln des Pazifiks sind europäischen Seefahrern kaum bekannt und die großen Binnenräume vieler Kontinente erscheinen auf Karten nur schemenhaft. Die Welt der Piraten endet deshalb nicht am Rand einer bekannten Karte. Jenseits der vertrauten Handelsrouten liegen weiterhin Inseln, Küsten und Meere, über die Seeleute nur Geschichten erzählen.